Das Leben ist eine Reise

15 Monate in Leverkusen

von Barbara Lück

September 2015. Vier Männer aus Syrien, Arif, Korschid, Wessam und Ziad, sitzen an einem Mittwoch um einen Tisch herum im Jugendhaus der Friedenskirche und wollen Deutsch lernen.

Sie wohnen inzwischen in einer Wohnung nicht weit von der Friedenskirche. Da sie sich selbst versorgen und verpflegen müssen, gibt es auch die eine oder andere Frage zur Organisation des täglichen Lebens. Alle vier sind still und höflich. Über die Schrecken des Krieges und ihrer Flucht sprechen sie nicht. Und ich stelle keine Fragen.

Es ist eine friedliche, ruhige Lernatmosphäre mit Tee, Saft, Wasser, Obst und jeder Menge deutscher Vokabeln und Sätze. Während der Fragen und Antworten streifen die Blicke über den stillen Innenhof. Plötzlich springen alle vier Männer hektisch auf und schreien erregt in mir fremden Sprachen (Arabisch und Kurdisch). Alle hasten nach draußen.

Was ist passiert? Eine hellgraue, dichte Qualmwolke steigt hinter der Friedenkirche auf. „Feuer, Feuer! Wir müssen uns retten! Wir müssen helfen!“, rufen die beiden englisch sprechenden. „Nein, nein, ganz ruhig bleiben. Es ist nichts Schlimmes“, versuche ich zu erklären. Doch vergebens. Sie rennen zur Merziger Straße. Dort wird – vom Jugendhaus aus nicht zu sehen – Papier in einer Tonne verbrannt. Das qualmt still vor sich hin.

Es dauert eine ganze Weile, bis Besorgnis und Erregung abklingen und die Situation sich beruhigt. Aber Deutschlernen konnten wir an diesem Morgen nicht mehr. Die schlimmen Erlebnisse in Syrien waren wieder ganz präsent. Die beiden Männer, die englisch sprechen können, berichteten selbst und übersetzten, was sie und die beiden anderen Männer in ihrer Sprache sagen wollen.

Heute, nach über einem Jahr sind sie scheinbar ruhiger geworden, doch schaut man genauer, kommt die innere Unruhe jedes einzelnen an die Oberfläche.

Wessam aus Damaskus berichtet:

„Die erste Zeit in Deutschland war sehr hart. Einerseits war ich froh, die Flucht gut überstanden zu haben. Aber hier war ich als Flüchtling nicht anerkannt. Was würde mit mir passieren, wenn die Bundesrepublik Deutschland meinen Antrag auf Anerkennung ablehnt? Finde ich einen Job, der meinem Studienabschluss entspricht?

In dieser Zeit voller Sorgen und Unsicherheiten erhielt ich die Einladung, ins Jugendhaus der Friedenskirche zu kommen. Ich war darüber sehr glücklich, weil dort Menschen waren, die uns fragten, welche Art von Hilfe ich mir wünsche. Ich war sehr berührt, dass ein fremder Mensch mir seine Hilfe anbietet. Natürlich war Deutsch lernen wichtig. Aber wir fanden auch offene Ohren für alle Fragen, was wir mit unserem Leben hier anfangen wollen. Die Gespräche waren mir noch wichtiger, als das Lernen aus Büchern.

Im Jugendheim konnten wir zum Lernen Laptops benutzen, um selbstständig zu lernen, jeder nach seinem Tempo. Und die Internetrecherche hat mir sehr geholfen bei allen Informationen über das Leben in Deutschland.

Die Treffen im Jugendheim hatten einen wichtigen sozialen Aspekt: Für uns als Ausländer war und ist es sehr wichtig, neue Freunde zu finden, die im Land Bescheid wissen, angefangen vom Einkaufen bis zum Umgang mit Behörden, was wirklich nicht einfach ist.“

Sehr erfreulich war die große Hilfsbereitschaft in der Gemeinde. Durch gezieltes Nachfragen konnten die Syrer wärmere Kleidung, kleine Möbel, Haushaltsgegenstände wie Töpfe und Pfannen, ordentliche Fahrräder bekommen. Es fehlte – außer an Bett, Tisch und Stuhl – an allem. Diese großzügigen Sachspenden zauberten manches Lächeln auf die besorgten Gesichter und entlockten überschwängliche Dankesäußerungen.

Die vielen anstehenden Aufgaben verteilten sich nach kurzer Zeit auf sechs regelmäßige Helfer. So war es möglich an drei Werktagen der Woche jeweils zwei Stunden für die Flüchtlingsgruppe da zu sein und individuell zu unterrichten und zu unterstützen.

Korschid und sein Sohn Hassan, der erst im November hinzukam, waren froh über jede materielle und praktische Hilfe im Alltag. Inzwischen können beide sich hinreichend in Deutsch verständigen. Doch bei den vielen Behördengängen zu unterschiedlichen Ämtern kann man leicht verzweifeln, wie wir inzwischen festgestellt haben.

Wie ist es nun mit der Reise von Syrien nach Deutschland? Sind unsere „Schützlinge“ angekommen? Ziad hat in einem Wahnsinnstempo Deutsch gelernt und ist schon nach Bonn weiter gereist, wo er in seinem erlernten Beruf arbeitet.

Arif (Name geändert) gibt zu bedenken, dass das Leben ohne Zweifel eine Reise ist. „Manche kennen ihren Weg und ihr Ziel. Ich, als syrischer Flüchtling, weiß, dass ich für den Augenblick hier in relativer Sicherheit bin, aber wohin mich meine weitere Lebensreise führen wird, weiß ich wirklich nicht. Mein Aufenthalt in Leverkusen ist bis jetzt sehr gut, unter anderem auch, weil ich das Glück habe, in meinem Beruf als Architekt zu arbeiten. Und große Klasse ist es, dass ich so großartige Menschen kennengelernt habe. Vielen, vielen Dank für alles!

Doch mein größtes Glück auf meiner Lebensreise wird es sein, wenn ich in absehbarer Zeit meine Familie in Damaskus, in Syrien, wiedersehen kann. Ich vermisse sie sehr. Trotz der neuen Freunde.“

Kontakt

Ev. Kirchengemeinde Leverkusen-Schlebusch

Pfr. Jürgen Dreyer

Telefon: 0214 73489213
eMail: eMail

Verwaltung der Stadt Leverkusen

Hotline für Flüchtlinge

Telefon: 0214 406-8811
eMail: eMail

Alkenrather Familientreff

(Anlaufstelle z. Zt. auch für Flüchtlings-Frauen)

Britta Weise

Telefon: 0214 73486430

Evangelische Kirchengemeinde Leverkusen-Schlebusch, Martin-Luther-Straße 4, 51375 Leverkusen, Pfarrbüro Tel. 0214 357699-99